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Das „Cloud first“-Credo verhindert Agilität

Warum die Strategie „Wachstum um jeden Preis” nicht immer zum Erfolg führt

Mehr Umsatz, mehr Projekte, mehr Mitarbeiter: „Wachstum um jeden Preis”, lautet die Devise vieler Führungskräfte auf ihrem Weg zum vermeintlich erfolgreichen Manager. Aber ist permanentes Wachstum wirklich gesund? Zukunftssicher aufgestellt sind letztlich die Unternehmen, die ein gutes Gespür dafür haben, was ihre Firma wirklich kann und braucht. Um eine mögliche „Rolle rückwärts” zu vermeiden, bei der das beständige Nach-vorne-Treiben im Endeffekt genau das Gegenteil bewirkt, sollten sich Entscheider also einen schonungslos ehrlichen Überblick über die tatsächlichen Fähigkeiten und Bedarfe ihres Unternehmens verschaffen. Hierzu ist es unabdingbar, dass die obere Etage vor allem mit denjenigen spricht, die täglich ihre Arbeit an der Basis verrichten – auch und insbesondere in der IT.

Unternehmer lassen sich häufig von den Eindrücken leiten, die sie bei Kollegen oder Wettbewerbern aufschnappen. Das gilt insbesondere dann, wenn sie gut vernetzt sind. Denn wer ständig direkt vor Augen hat und sich immer wieder darüber austauscht, wie es die anderen machen, kommt oftmals gar nicht umhin, auf den gleichen Zug aufzuspringen. „Höher, schneller, weiter”, ist dann meist der gemeinsame Nenner. Erfolgreiche Strategen aber wissen: Wer macht, was alle machen, erreicht auch das, was alle erreichen. In der IT-Branche war dies zuletzt besonders gut beim Thema Cloud zu beobachten. „Cloud first”, lautet seit geraumer Zeit das Credo, das vor allem die großen Player ausgerufen haben, um ihr Wachstum zu beschleunigen. Im Zuge der Konsolidierung interner Prozesse stellen sowohl große als auch kleine Unternehmen die Leistung des eigenen Rechenzentrums zunehmend auf den Prüfstand. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn Sicherheitsstandards zu halten ist nicht gerade einfach. BSI, ISO, Compliance, SOX, Audit-Reports und vieles mehr zwingen das Management dazu, das Unternehmen neu zu denken. Wer wachsen will, kommt an der Cloud nicht vorbei, wird dann gerne konstatiert. Führungskräfte, die sich daraufhin mit Cloud-Themen beschäftigen, kommen allerdings schnell an ihre fachlichen Grenzen. Für Beratungshäuser und Cloud-Dienstleister ist es so ein Leichtes, Managern, die in diesem Bereich selbst keine Erfahrung vorweisen können, eine ultimative Wertsteigerung, optimalen Nutzen und ein beschleunigtes Wachstum zu versprechen, wenn sie auf ihren Dienst umsteigen.

Unternehmer, die den Schritt in die Cloud erwägen, sollten sich zuvor allerdings einige gewichtige Fragen stellen: Lassen sich durch die generelle Auslagerung die IT-Kosten wirklich senken? Wie sieht es mit der neu zu integrierenden Organisation des Dienstleisters aus und wie sind diejenigen Bereiche zu bewerten, in denen das Unternehmen vorher autark und autonom handeln konnte? Durch die Zusammenarbeit mit einem Cloud-Anbieter wird schließlich eine nicht zu unterschätzende Abhängigkeit geschaffen.

Grundsätzlich wird die IT in vielen Unternehmen immer noch als Kostentreiber gesehen und nicht als Innovationsplattform, die durchaus selbst betrieben werden könnte. Das Credo „Wachstum um jeden Preis” führt aber nicht immer zu mehr Erfolg. Ganz im Gegenteil: Je kleiner und agiler ein Unternehmen ist, desto flexibler kann es am Markt auf Veränderungen reagieren, ohne dass es durch starre Prozesse behindert wird. Alle sprechen davon, „den Wandel” zu bewältigen, aber in welche Richtung? Ist Technologieführerschaft wirklich möglich, wenn man es so macht, wie es alle machen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass zu viele Köche den Brei verderben? Und wie flexibel kann man überhaupt am Markt agieren mit einem großen, in der Regel technologisch starren IT-Dienstleister im Rücken?

Unternehmen, die ihre IT selbst betreiben oder sich in diesem Punkt auf kleine und rein lokale Dienstleister verlassen, sind allein schon deshalb viel eher in der Lage, sich die Marktführerschaft zu sichern, weil sie schnell, beweglich und individuell auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen können. Wirklich erfolgreiche Unternehmen sind von innen getrieben: Ihnen ist es egal, was andere um sie herum denken. Sie wissen bei ihrem Unternehmen um dessen Einzigartigkeit und wollen allein schon deshalb möglichst viel Kontrolle erhalten – auch und gerade in der IT.

Über den Autor

Oliver Meinecke ist IT-Projektmanager mit dem Schwerpunkt SAP und technische Komponenten. Er gilt als einer der führenden Experten im Umgang mit dem SAP Solution Manager und als Profi rund um die Themen Digitalisierung, IT-Intelligenz, IT-Aktualität, IT-Effizienz, Optimierung der Infrastruktur und Homeoffice. Seine Auftraggeber sind mittelständische Unternehmen und Konzerne, die komplexe, dezentrale Projekte mit internationalen und interkulturell besetzten Projektteams steuern und erfolgreich abschließen möchten. Oliver Meinecke trimmt Strukturen auf maximale Effizienz, indem er Prozesse, Datenbestände und IT-Strukturen radikal vereinfacht und reduziert. Dabei ist er ein herausragender Kommunikator, der IT und Menschen technisch und praktisch verbindet. Sein Ziel: Unternehmen in ihrer IT-Struktur autark, weniger krisenanfällig und selbstbestimmt machen, sie zu IT-Leadership-Exzellenz führen. Sein IT-Wissen gibt Oliver Meinecke regelmäßig in Podcasts, Whitepapern und Fachpublikationen weiter.

Weitere Informationen unter www.sowacon.de.

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